Trainiere deine Wahrnehmung mit dieser effektiven Zeichenübung

Übe deine Wahrnehmung und es werden viele einzigartige Werke entstehen

07.09.2019 | von Chabi |

Dir fällt es schwer zu zeichnen, was du siehst?

„Ich habe erfahren, dass ich etwas, was ich nicht zeichne, auch niemals wirklich wahrnehme.“ (Frederick Franck aus „The Zen of Seeing“)

Um ein Portrait oder andere Motive realistisch zu zeichnen, benötigst du nicht nur handwerkliches Geschick. Du musst bestimmte Details wahrnehmen können.

Um welche Details handelt es sich und wie erlangst du diese Wahrnehmung?

Genau dies erfährst du in diesem Artikel. Du bekommst eine Übung an die Hand, mit der du ein bekanntes Bild neu wahrnehmen wirst. Als Nebeneffekt erlernst du eine wichtige Zeichenlektion.

1.Vor der Technik kommt das Verständnis

Beantworte folgende Frage: „Sehen deine Werke immer noch wie eine Kinderzeichnung aus?“

Die Autorin und Künstlerin Betty Edwards erforschte diese Frage mit folgender Aufgabenstellung: „Zeichnen Sie ein Gesicht!“

Erwachsene zeichnen meist wie Kinder

Was passierte?

Die meisten Erwachsenen zeichnen ein Gesicht so, wie sie es bereits als Kind gezeichnet hatten. Viele schämen sich dafür und lassen den Stift frustriert fallen.

Es fällt die Behauptung, sie hätten kein Talent. Weitere Übungen fallen aus.

Das Problem jedoch ist, ohne Übung findet keine Entwicklung statt! Die Frage ist, möchtest du deine Kunstfertigkeit trainieren und dich darin bedeutend weiterentwickeln?

Wenn ja, dann lies dir den Zusammenhang von Zeichnungen der Kindheit und der Neurobiologie durch. Es lohnt sich!

2. Kindheitszeichnungen – Wir starten dort, wo wir aufgehört haben uns zu entwickeln!

Hattest du als Kind viel gezeichnet und irgendwann war Schluss damit?

Wenn Kinder voller Eifer Haare, Mund und Nasen zeichnen, benutzen sie simple Formen. Diese wiederholen sie in sämtlichen Zeichnungen. Das prägt sich ein und es entsteht ein Symbolsystem!

Für eine Nase wählt ein Kind ein Dreieck, ein anders vielleicht einen Punkt oder Kreis. Hauptsache simpel und schnell abrufbar!

Die Zeichenfähigkeit entwickelt sich bei den meisten Kindern nach dem 10 Lebensjahr nicht weiter. Nach Betty Edwards versuchen sich Kinder in dem Alter vom Symboldenken zu lösen. Die Bilder sollen realistischer werden. Nur gelingt dies den wenigsten Kindern ohne Unterstützung.

Was ist die Folge?

Sobald der ungeübte Erwachsene zum Stift greift, aktiviert sich das etablierte Symbolsystem. Deshalb sehen Gesichter alle gleich aus. Damals wie heute.

Du zeichnest dann nicht mehr das, was du siehst, sondern was du denkst zu sehen.

3. Der neurobiologische Mechanismus hinter der Übung

An diesem Punkt kommt die Neurobiologie ins Spiel.

Gesteuert wird dieses Art zu Zeichnen von unserer linken Gehirnhälfte, welche für analytische und logische Fähigkeiten zuständig ist. Sobald du ein Gesicht zeichnen möchtest, öffnet deine linke Gehirnhälfte eine Schublade und präsentiert dir ein gut eingeprägtes Symbol. Eine schnelle Lösung, was in der Kindheit super funktioniert hat.

Gerade in unserer heutigen Zeit, wo alles schnell gehen muss, ist dies die zeitsparenste Methode.

Für realistisches Zeichnen sind diese Symbole jedoch ein Bremsklotz. Damit kommst du nicht weit! Du benötigst dafür die Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte. Diese ist zuständig für Kreativität, Emotionen sowie Intuition.

Vielleicht kennst du das:

  • du versinkst in dein Lieblingslied
  • weil dir langweilig ist, träumst du vor dich hin
  • du bist so wütend, dass du keinen klaren Gedanken fassen kannst

In solchen Momenten ist deine rechte Köpfchenseite aktiv. Wenn du eines der Beispiel dir vor Augen führst, wie erlebst du dann deine Umgebung oder dich selbst, im Vergleich zum „normalen“ Zustand?

Meist erlebe ich mich dabei äußerst fokussiert auf eine einzige Tätigkeit. Ein Zeitgefühl und störende Umgebungsgeräusche verschwinden.

4. Die Übung, um deine Wahrnehmung zu verändern

Als Referenzbild nehmen wir die bekannte Mona Lisa. Zur Vereinfachung habe ich dir von der guten Frau ein Linienbild erstellt.

Die Aufgabe ist recht simpel. Wir drehen das Referenzbild auf den Kopf!

„Steht das Bild auf dem Kopf, stimmen unsere optischen Anhaltspunkte nicht mehr.“ (Betty Edwards)

Es gibt kein Symbol für eine umgedrehte Nase. Damit verwirren und frustrieren wir unsere linke Gehirnhälfte. Unser Symboldenken schaltet sich aus. Damit ist die Bahn frei für unsere rechte Hirnhälfte.

Sobald dies passiert, nimmst du das Bild anders wahr und ein Abzeichnen fällt dir leichter.

Linienbild der Mona Lisa

Für die Übung benötigst du:

  • einen gespitzten Bleistift
  • Papier deiner Wahl
  • das „umgedrehte“ Bild (ggf. mit Hilfsgitter)
  • ungestörte Zeit, bis du fertig bist
Veränderung der Wahrnehmung
Nutze das Hilfsgitter für bessere Ergebnisse

Wichtig! Du zeichnest hier keine Nase oder einen Mund, sondern Linien und Formen. Nimm dir dafür Zeit! Betrachte genau, wie die Linien sich zueinander verhalten. Wie groß ist der Abstand zueinander? Wie viel leere Fläche liegt zwischen den einzelnen Linien?

Falls du ZeichenanfängerIn bist, empfehle ich dir das Hilfsgitter zu verwenden. Dadurch erhältst du mehr Orientierungspunkte (siehe Vergleich ohne und mit Hilfsgitter). Dadurch fällt es dir leichter, die Linien nachzuzeichnen.

Möchtest du diese Variante nutzen, dann übertrage ein Gitter ebenfalls auf dein Zeichenpapier.

Soweit die Vorbereitung. Starten wir jetzt mit der Übung!

Mach bei der Übung möglichst keine Pause und dreh die Zeichnung erst nach der Fertigstellung um.

Bei welcher Linie du anfängst, ist irrelevant. Wandere mit deiner Aufmerksamkeit von einer Linie zur nächsten und zeichne sie auf dein Papier.

Stell dir vor, du puzzelst. Linie für Linie, Form für Form. Erst am Ende macht das Bild einen Sinn. In unserem Beispiel, wenn du dein Bild umdrehst.

Sobald du alle Linien gezeichnet hast, drehe dein Bild um.

Wie ist es dir gelungen? Bist du erstaunt, wie gut du es umsetzen konntest oder gab es an einem Punkt Probleme? Wie hast du dich bei dieser Übung gefühlt?

5. Was du mit dieser Übung gelernt hast oder lernen kannst

Eine Zeichnung kann richtig gut und realistisch werden, wenn du gar nicht weiß, was du zeichnest. Wichtig ist, dass du zeichnest, was du wirklich siehst! Dies ist die besondere Form der Wahrnehmung, bei der ein Bild so wahrgenommen wird, wie es im Jetzt ist.

Fazit: Achte auf die Linien und Zwischenräume, statt die Symbole deiner Kindheitszeichnungen zu wiederholen.

Meine Erfahrung mit dieser Übung

Ich zeichnete die Linien ohne Hilfsgitter. Der Anfang war vielversprechend. Doch wie du in der Endversion siehst, hat der Kopf nicht auf das Papier gepasst. Ich schätzte die Größe des Bildes falsch ein.

Zudem bearbeitete ich öfters den Kopfbereich (ein zu langer Hals und ungleiche Augen). Gegen Ende benutzte ich doch noch das Hilfsgitter. Ich kann es dir nur wärmsten Empfehlen.

Sollte es bei dir ebenfalls anfangs misslingen, bleib dran!

Du schaffst das!

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